Hochvolt PSA: Qualifikation, Handschuhe, Freischalten

Inhalt dieses Artikels
  1. Hochvolt PSA hängt an der Qualifikation
  2. Welche Ausrüstung wann dazukommt
  3. Isolierende Handschuhe: prüfen vor jedem Einsatz
  4. Die fünf Sicherheitsregeln bleiben die Basis
  5. Was die Stufen im Werkstattalltag bedeuten
  6. Unfall und Brand
  7. Unterweisung und Dokumentation
  8. Häufige Fragen

Kurz gesagt: Hochvolt PSA ist an eine Qualifikation gebunden. Die DGUV Information 209-093 unterscheidet Stufen von der sensibilisierten Person bis zur Fachkraft für Arbeiten unter Spannung. Wer an Hochvoltsystemen arbeitet, braucht je nach Tätigkeit isolierende Handschuhe, Gesichtsschutz und isoliertes Werkzeug, aber vor allem die Berechtigung, die Tätigkeit überhaupt auszuführen.

Elektro- und Hybridfahrzeuge haben die Werkstatt verändert. Neben Öl und Hebebühne gibt es jetzt Batteriesysteme mit mehreren hundert Volt Gleichspannung. Die Schutzausrüstung dafür ist überschaubar, die Regeln, wer was darf, sind es nicht.

Hochvolt PSA hängt an der Qualifikation

Die DGUV Information 209-093 beschreibt, wie Arbeiten an Fahrzeugen mit Hochvoltsystemen auf Grundlage der Gefährdungsbeurteilung organisiert werden, und legt Mindestanforderungen an die Qualifizierung fest. Für den Service an Serienfahrzeugen sind die Stufen mit dem Kürzel S maßgeblich.

Qualifizierungsstufen für Serienfahrzeuge (vereinfacht)
Stufe Bezeichnung Typische Tätigkeiten
S sensibilisierte Person Bedienen, Reinigen, einfache Servicearbeiten ohne Eingriff ins Hochvoltsystem
1S fachkundig unterwiesene Person nichtelektrotechnische Arbeiten wie Rad- oder Bremsenarbeiten am Hochvoltfahrzeug
2S fachkundige Person Hochvolt Arbeiten am spannungsfrei geschalteten Hochvoltsystem
3S Fachkraft für Arbeiten unter Spannung Arbeiten an unter Spannung stehenden Komponenten, etwa am Energiespeicher

Für Forschung, Entwicklung und Produktion gibt es parallele Stufen mit dem Kürzel E. Welche Stufe für eine Tätigkeit nötig ist, legt der Betrieb in der Gefährdungsbeurteilung fest, nicht die Person, die gerade am Fahrzeug steht.

Welche Ausrüstung wann dazukommt

Bei Arbeiten der Stufen S und 1S wird nicht am Hochvoltsystem selbst gearbeitet. Die übliche Werkstatt-PSA reicht dort in der Regel: Sicherheitsschuhe, Handschuhe gegen Öl und Schmutz, Schutzbrille. Wichtig ist, die orangefarbenen Leitungen und gekennzeichneten Komponenten zu erkennen und nicht anzufassen.

Ab dem Freischalten ändert sich das Bild. Wer das System spannungsfrei schaltet und die Spannungsfreiheit prüft, trägt isolierende Handschuhe für die entsprechende Spannung, einen Gesichtsschutz gegen die Wirkung eines Lichtbogens und benutzt isoliertes Werkzeug. Welche Ausführung genau, ergibt sich aus der Gefährdungsbeurteilung und den Herstellerangaben des Fahrzeugs.

Schmuck, Uhren und metallische Gegenstände an Händen und Handgelenken werden vorher abgelegt.

Bei Arbeiten unter Spannung ist die Ausrüstung am umfangreichsten, und die Qualifikation setzt eine elektrotechnische Ausbildung voraus. Das ist kein Werkstattalltag, sondern Spezialarbeit.

Isolierende Handschuhe: prüfen vor jedem Einsatz

Isolierende Handschuhe sind die wichtigste Einzelkomponente. Sie werden vor jeder Benutzung auf Beschädigungen geprüft, üblicherweise mit einer Aufblasprobe: Handschuh aufrollen, Luft einschließen, auf Löcher und Risse achten. Ein Loch, das man nicht sieht, ist genau der Weg, den der Strom nimmt.

Über den isolierenden Handschuh kommt oft ein Lederüberhandschuh, der ihn vor mechanischer Beschädigung schützt. Gelagert werden die Handschuhe trocken, dunkel und ohne Knicke. Zusätzlich gelten wiederkehrende Prüfungen nach Herstellerangabe und betrieblicher Festlegung.

Die fünf Sicherheitsregeln bleiben die Basis

Das Freischalten eines Hochvoltsystems folgt den Grundregeln der Elektrotechnik: freischalten, gegen Wiedereinschalten sichern, Spannungsfreiheit feststellen, und, soweit das Fahrzeug es vorsieht, die übrigen Schritte nach Herstellervorgabe. Die Schutzausrüstung schützt während dieser Schritte, sie ersetzt sie nicht.

Dazu gehören organisatorische Maßnahmen: den Arbeitsplatz kennzeichnen, das Fahrzeug absperren, Schlüssel und Service-Stecker sicher verwahren. Wer nebenan arbeitet, soll erkennen, dass hier ein System freigeschaltet oder in Arbeit ist.

Was die Stufen im Werkstattalltag bedeuten

Die Stufe S ist die Grundlage für alle, die mit Hochvoltfahrzeugen zu tun haben, auch für Annahme, Aufbereitung und Überführung. Wer sie hat, erkennt Hochvoltkomponenten und weiß, was er nicht anfassen darf.

Die Stufe 1S deckt den Großteil der täglichen Werkstattarbeit ab: Räder, Bremsen, Fahrwerk, Karosserie in der Nähe von Hochvoltkomponenten. Das System selbst bleibt dabei unberührt. Sobald eine Komponente des Hochvoltsystems ausgebaut oder das System freigeschaltet werden muss, braucht es die Stufe 2S.

In vielen Betrieben arbeiten deshalb mehrere Stufen nebeneinander: Die Fachkraft mit 2S schaltet frei und dokumentiert, danach arbeiten Kolleginnen und Kollegen mit 1S am spannungsfreien Fahrzeug weiter. Diese Übergabe ist der Moment, an dem Kennzeichnung und Absperrung am wichtigsten sind.

Unfall und Brand

Beschädigte Hochvoltfahrzeuge, etwa nach einem Unfall, sind eine besondere Situation. Die Batterie kann auch später noch reagieren. Solche Fahrzeuge werden nach Herstellerangaben abgestellt, gekennzeichnet und nur von entsprechend qualifizierten Personen bearbeitet.

Für die Werkstatt heißt das: einen Abstellplatz mit Abstand zu anderen Fahrzeugen und Gebäuden vorsehen und im Notfallplan festhalten, wer im Brandfall wen informiert.

Unterweisung und Dokumentation

Qualifikationen werden mit Nachweis dokumentiert, und die Unterweisung wird regelmäßig wiederholt, mindestens jährlich und bei neuen Fahrzeugtypen oder Systemen. Wie eine Unterweisung aufgebaut ist, steht im Ratgeber PSA Unterweisung: Inhalte, Fristen, Nachweis.

Den Werkstattalltag mit Öl, Chemie und Lasten beschreibt die Berufsseite PSA in der Kfz-Werkstatt, die allgemeine Elektrotechnik die Berufsseite PSA in der Elektrotechnik. Wer die Ausrüstung stellt und bezahlt, steht im Ratgeber PSA: Pflicht, Kategorien und wer sie bezahlt. Weitere Beiträge sammelt die Kategorie PSA & Schnittschutz.

Unterm Strich ist Hochvolt PSA der kleinste Teil der Hochvoltsicherheit. Der größere ist die Frage, wer welche Tätigkeit ausführen darf, und die beantwortet nicht der Handschuh, sondern die Qualifikation.

Häufige Fragen

Welche Qualifikation brauche ich für einen Reifenwechsel am E-Auto?

Für nichtelektrotechnische Arbeiten wie Rad- und Bremsenarbeiten ist nach DGUV Information 209-093 mindestens die Stufe 1S vorgesehen. Maßgeblich ist die Festlegung im Betrieb.

Welche PSA braucht man beim Freischalten?

In der Regel isolierende Handschuhe für die jeweilige Spannung, Gesichtsschutz gegen Lichtbogen und isoliertes Werkzeug. Details regeln Gefährdungsbeurteilung und Herstellerangaben.

Wie prüfe ich isolierende Handschuhe?

Vor jeder Benutzung auf Beschädigungen, üblicherweise mit einer Aufblasprobe. Zusätzlich gelten wiederkehrende Prüfungen.

Darf jeder Mechatroniker an Hochvoltsystemen arbeiten?

Nein. Die Berechtigung hängt an der Qualifizierungsstufe, nicht am Beruf allein.

Dieser Beitrag gibt einen allgemeinen Überblick und ersetzt keine Qualifizierung. Arbeiten an Hochvoltsystemen dürfen nur Personen mit der passenden Qualifikationsstufe ausführen.