Berufe
PSA im Elektrotechnik
Störlichtbogen, Berührungsspannung, ESD

Kurz gesagt
In der Elektrotechnik treffen zwei getrennte Gefahren aufeinander: die thermische Wirkung eines Störlichtbogens und die Körperdurchströmung. Dagegen helfen zwei verschiedene Ausrüstungen. Störlichtbogenschutzkleidung nach EN IEC 61482-2 schützt vor Hitze und Flammen, isoliert aber nicht. Gegen Berührungsspannung braucht es isolierende Ausrüstung, etwa Handschuhe nach EN 60903.
Kaum ein Berufsumfeld wird bei der Ausrüstung so oft falsch verstanden. Der häufigste Irrtum: Wer Störlichtbogenschutzkleidung trägt, hält sich für gegen Strom geschützt. Das ist er nicht.
Das Arbeitsumfeld
- Arbeiten an und in der Nähe elektrischer Anlagen
- Schaltschränke, Verteilungen, Sammelschienen
- elektrostatisch empfindliche Bauteile in der Fertigung
- Montage auf Leitern und Hubarbeitsbühnen
Gefährdung, Ausrüstung, Norm
| Gefährdung | Zone | Ausrüstung | Norm |
|---|---|---|---|
| Thermische Wirkung eines Störlichtbogens | Rumpf, Arme, Beine | Störlichtbogenschutzkleidung, Klasse APC 1 oder APC 2 | — |
| Berührungsspannung beim Arbeiten unter Spannung | Hände | Isolierende Handschuhe nach EN 60903 | — |
| Lichtbogen im Gesicht | Kopf | Gesichtsschutz mit Störlichtbogenprüfung, isolierender Helm | — |
| Elektrostatische Entladung an Bauteilen | Füße | ESD-fähige Schuhe im Zusammenspiel mit dem Boden | EN ISO 20345 |
| Herabfallende Teile, Stolpern, Nässe | Füße | Sicherheitsschuh, je nach Umfeld S1P oder S3 | EN ISO 20345 |
Welche Schutzklasse am Schuh
Üblich ist S1P, in der Fertigung mit ESD: trockene Innenbereiche mit Durchtrittsgefahr; im Freileitungs- und Baustelleneinsatz S3, für Arbeiten unter Spannung gelten zusätzlich eigene Anforderungen an isolierendes Schuhwerk. Welche Klasse im Betrieb gilt, legt die Gefährdungsbeurteilung fest.
Werkzeug
Wähle aus, was an deinem Arbeitsplatz vorkommt – das Werkzeug ordnet die passende Klasse nach EN ISO 20345:2022 zu.
Worauf es in diesem Umfeld ankommt
Störlichtbogenschutz wird über zwei Prüfverfahren beschrieben. Der Box-Test nach IEC 61482-1-2 liefert die Schutzklassen APC 1 und APC 2: geprüft wird mit 4 Kiloampere beziehungsweise 7 Kiloampere für 500 Millisekunden. Das offene Verfahren nach IEC 61482-1-1 liefert stattdessen Energiewerte in cal/cm², angegeben als ELIM, ATPV oder EBT.
Welche Klasse nötig ist, rechnet man aus. Die DGUV Information 203-077 enthält dafür das Verfahren, das den Erwartungswert der Lichtbogenenergie mit dem Schutzpegel der Kleidung vergleicht. Eine pauschale Aussage „APC 1 reicht" gibt es nicht, weil sie von Kurzschlussstrom, Abstand und Abschaltzeit abhängt.
Die Kennzeichnung hat 2020 gewechselt: Seither steht das Schutzschild-Symbol mit der Lichtbogen-Entladung zusammen mit APC- oder ELIM-Angabe. Das frühere Doppeldreieck findet sich noch auf Bestandsware, sagt aber nichts über das Schutzniveau.
Kleidung im Alltag
Störlichtbogenschutzkleidung ist ein System aus mehreren Lagen. Eine Jacke mit APC 2 nützt wenig über einem T-Shirt aus Kunstfaser, das im Ernstfall schmilzt. Unterwäsche aus Baumwolle oder zertifizierte Unterbekleidung gehören deshalb dazu.
Diese Kleidung deckt Hitze- und Flammschutz ab, aber nicht automatisch Warnschutz, Wetterschutz oder Ableitfähigkeit. Wer im Freileitungsbau arbeitet, braucht Warnschutz zusätzlich, und die Kombination muss beides zugleich erfüllen.
Was oft schiefgeht
Der grösste Fehler ist die Verwechslung der beiden Schutzrichtungen. Störlichtbogenschutzkleidung ist ausdrücklich nicht elektrisch isolierend. Wer mit Berührungsspannung rechnet, braucht isolierende Ausrüstung zusätzlich, nicht stattdessen.
Der zweite Fehler betrifft die Reihenfolge: Ausrüstung kommt nach den fünf Sicherheitsregeln, nicht davor. Freischalten, gegen Wiedereinschalten sichern, Spannungsfreiheit feststellen, erden und kurzschließen, benachbarte Teile abdecken. Erst danach ist PSA das, was bleibt.
Unterweisung und Ausbildung
Arbeiten an elektrischen Anlagen setzt eine Elektrofachkraft voraus oder eine unterwiesene Person, die klar abgegrenzte Tätigkeiten unter Aufsicht ausführt. Diese Abgrenzung ist kein Papier, sie entscheidet, wer einen Schaltschrank öffnen darf.
Arbeiten unter Spannung sind grundsätzlich verboten und nur in eng begrenzten Ausnahmefällen zulässig, mit eigener Qualifikation, Werkzeugen und Ausrüstung. Wer dafür nicht ausgebildet ist, schaltet frei.
Pflege und Austausch
Störlichtbogenschutzkleidung verliert ihre Eigenschaften durch falsches Waschen und durch Reparaturen mit fremdem Material. Waschzyklen, Waschmittel und zulässige Änderungen stehen in der Herstellerinformation; ein aufgenähter Firmenschriftzug aus Polyester kann die Schutzwirkung örtlich aufheben.
Isolierende Handschuhe werden vor jeder Benutzung auf Beschädigungen geprüft, üblicherweise mit einer Luftprobe, und in festen Abständen wiederkehrend geprüft. Sie altern auch ungenutzt, deshalb zählt das Datum in der Verpackung.
Schutzkleidung oder Berufskleidung?
Trägt ein Kleidungsstück eine Schutznorm, ist es persönliche Schutzausrüstung: Der Betrieb stellt sie und trägt die Kosten (§ 3 Abs. 3 Arbeitsschutzgesetz). Ohne geprüfte Schutzfunktion ist es Berufskleidung, dann zählen Arbeitsvertrag oder Betriebsvereinbarung.
Ratgeber: PSA & Schnittschutz · Glossar · Normen-Verzeichnis
Quellen
- DGUV, Fachbereich Elektrotechnik: Kennwerte für den Störlichtbogenschutz
- DGUV Information 203-077: Thermische Gefährdung durch Störlichtbögen
- Arbeitsschutzgesetz, § 5 Beurteilung der Arbeitsbedingungen
- EN IEC 61482-2, IEC 61482-1-1 und IEC 61482-1-2 (Normtexte, kostenpflichtig über DIN Media)
Häufige Fragen
Schützt Störlichtbogenschutzkleidung vor Stromschlag?
Nein. Sie schützt vor der thermischen Wirkung des Lichtbogens. Gegen Körperdurchströmung braucht es isolierende Ausrüstung.
Was bedeuten APC 1 und APC 2?
Die Schutzklassen aus dem Box-Test nach IEC 61482-1-2. Geprüft wird mit 4 Kiloampere für APC 1 und 7 Kiloampere für APC 2, jeweils 500 Millisekunden.
Wie finde ich die nötige Klasse?
Über das Rechenverfahren der DGUV Information 203-077, das Lichtbogenenergie und Schutzpegel vergleicht. Die Auswahl trifft der Betrieb.