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Kurz gesagt: Die Schutzklassen bei Sicherheitsschuhen bauen aufeinander auf: S1 bringt Zehenkappe, geschlossene Ferse, Antistatik und Energieaufnahme, S2 ergänzt wasserabweisendes Obermaterial, S3 Durchtrittschutz und Profilsohle. S6 und S7 sind seit 2022 die wasserdichten Varianten. Welche Klasse du brauchst, hängt an Nässe, spitzen Gegenständen und Untergrund.
Auf der Ausschreibung steht S3, im Regal liegt ein S1P, und der Kollege schwört auf seine alten SRC-Treter. Drei Codes, drei Normfassungen, ein Missverständnis. Dieser Artikel sortiert die Klassen, zeigt in vier Fragen, welche zu deinem Arbeitsplatz passt, und erklärt, warum zwei Schuhe im selben Laden unterschiedlich gekennzeichnet sein dürfen.
Schutzklassen bei Sicherheitsschuhen im Überblick
Grundlage ist die EN ISO 20345 in der Fassung von 2022. Sie definiert eine Grundanforderung und darauf aufbauende Klassen. Jede Klasse enthält alles aus der darunterliegenden und legt eine Eigenschaft drauf. Wer dieses Prinzip einmal verstanden hat, muss sich die Codes nicht mehr merken.
Allen gemeinsam ist die Zehenschutzkappe, geprüft mit einer Aufprallenergie von 200 Joule. Das ist der Unterschied zum Berufsschuh nach EN ISO 20347, der ohne Kappe auskommt.
| Klasse | Enthält zusätzlich | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| SB | Grundanforderungen, Zehenkappe 200 J, Basis-Rutschhemmung | selten im Handel |
| S1 | geschlossener Fersenbereich, antistatisch, Energieaufnahme in der Ferse | trockene Halle, Montage, Lager |
| S1P | S1 plus Durchtrittschutz | Innenausbau, Lager mit Paletten |
| S2 | S1 plus wasserabweisendes Obermaterial (WPA) | Werkstatt, Küche, Logistik |
| S3 | S2 plus Durchtrittschutz plus profilierte Laufsohle | Baustelle, Aussenbereich |
| S4 und S5 | Gummi- oder Polymerstiefel, S5 mit Durchtrittschutz und Profil | Landwirtschaft, Reinigung, Lebensmittel |
| S6 | S2 plus geprüfte Wasserdichtheit des ganzen Schuhs | dauerhaft nass, ohne Durchtrittsgefahr |
| S7 | S3 plus geprüfte Wasserdichtheit | Tiefbau, Garten- und Landschaftsbau |
Die Endungen L und S bei S1PL, S3S oder S7S sind kein Marketing. Sie zeigen, womit der Durchtrittschutz geprüft wurde: ein Nagel mit 4,5 Millimetern für L, einer mit 3,0 Millimetern für S. Metallische Einlagen tragen weiterhin nur das P.
In vier Fragen zur passenden Klasse
Die Klassenlogik lässt sich in vier Fragen übersetzen. Die Antworten ergeben die niedrigste Klasse, die alles abdeckt.
- Liegt Nässe an? Gelegentlich feuchte Böden führen zu S2, dauerhaft stehendes Wasser oder Matsch zu S6. Der Unterschied zwischen WPA und WR ist größer, als er klingt: WPA prüft nur das Obermaterial, WR den ganzen Schuh inklusive Nähte.
- Liegt etwas Spitzes am Boden? Nägel, Schrauben, Glas oder Späne verlangen Durchtrittschutz. Trocken und eben ergibt das S1P, mit Nässe S3, mit Nässe und Wasserdichtheit S7.
- Wie ist der Untergrund? Eine profilierte Laufsohle verlangen erst S3, S5 und S7. Für unebenes Gelände oder Baustellen führt deshalb kein Weg an S3 vorbei, auch wenn kein Nagel in Sicht ist.
- Gibt es Sonderbedingungen? Kälte, Öl, glatte Fliesen oder Elektronik lösen keine andere Klasse aus, sondern ein Zusatzkennzeichen.
Wer das nicht im Kopf durchspielen will: Der Sicherheitsschuh-Finder macht genau diese vier Fragen zum Klickweg und nennt die passende Klasse samt Zusätzen.
Was die Zusatzkennzeichen bedeuten
Hinter der Klasse steht oft eine Buchstabenkette. Diese Zusätze sind unabhängig von der Klasse und werden einzeln geprüft.
| Kürzel | Bedeutung | Wann es zählt |
|---|---|---|
| SR | erhöhte Rutschhemmung, geprüft auf Keramik mit Glycerin | Küche, Fliesen, Öl auf dem Boden |
| FO | Laufsohle beständig gegen Öl und Kraftstoff | Werkstatt, Tankstelle, Metallbau |
| CI und HI | Kälte- beziehungsweise Wärmeisolierung des Sohlenaufbaus | Kühlhaus, Winterdienst, heisse Böden |
| ESD | kontrollierte Ableitung statischer Ladung nach EN 61340-5-1 | Elektronikfertigung, ESD-Schutzzone |
| LG | Halt auf Leitersprossen, seit der Fassung 2022 eigenes Kennzeichen | Montage, Dachdecker, Haustechnik |
| SC | Abriebfestigkeit der Überkappe, ebenfalls neu seit 2022 | knieende Arbeit, Estrich, Bodenleger |
Ein Punkt wird dabei oft verwechselt: ESD ist keine Anforderung der Schuhnorm. Jeder Sicherheitsschuh ab S1 ist antistatisch, sein Durchgangswiderstand liegt zwischen 100 Kiloohm und 1.000 Megaohm. ESD verlangt einen engeren Bereich nach einer eigenen Norm. Jeder ESD-Schuh ist deshalb antistatisch, aber längst nicht jeder antistatische Schuh ist ESD-fähig.
Warum zwei Schuhe im selben Regal unterschiedlich gekennzeichnet sind
Seit der Fassung 2022 heißt die Rutschhemmung SR statt SRA, SRB oder SRC, wasserabweisendes Obermaterial heißt WPA statt WRU, und die Kraftstoffbeständigkeit FO ist kein Teil von S1 bis S3 mehr, sondern ein Zusatz. Trotzdem liegen im Handel weiter Schuhe mit SRC im Etikett. Das ist kein Etikettenschwindel.
Der Grund steckt im Zertifikat, nicht im Schuh: Eine EU-Baumusterprüfbescheinigung gilt höchstens fünf Jahre. Modelle, die vor der Umstellung zertifiziert wurden, dürfen bis zum Ablauf ihres Zertifikats weiter verkauft werden. Erst danach ist eine Prüfung nach der aktuellen Fassung nötig.
Im Regal steht das oft direkt nebeneinander: Dieselbe Baureihe gibt es sowohl mit der alten Kennzeichnung S3 SRC als auch mit der neuen (Anzeige: ELTEN Maddox black-red Low ESD S3*, Sohle mit der alten Kennzeichnung SRC). Am Schuh selbst ändert das nichts, nur am Prüfstand, auf dem seine Sohle getestet wurde.
Wie lange dieses Nebeneinander dauert, geben die Quellen unterschiedlich an. Ein Hersteller nennt eine Übergangszeit bis Ende 2027, ein anderer rechnet wegen der fünfjährigen Zertifikatslaufzeit bis November 2029. Wir nennen deshalb kein Enddatum, sondern die Regel dahinter: Solange das Zertifikat läuft, bleibt die alte Kennzeichnung gültig. Für dich heißt das beim Nachkauf eines bewährten Modells, auf das Nachfolgeetikett zu schauen — aus SRC wird SR, aus S3 WR wird S7.
Wer entscheidet, welche Klasse du tragen musst
Nicht der Katalog und nicht dieser Artikel. Der Arbeitgeber legt in der Gefährdungsbeurteilung nach § 5 Arbeitsschutzgesetz fest, welche Gefährdungen am Arbeitsplatz bestehen und welche persönliche Schutzausrüstung deshalb nötig ist. Auswahlhilfen dazu stehen in der DGUV Regel 112-191. Die Kosten für vorgeschriebene Ausrüstung darf er nicht auf die Beschäftigten abwälzen; das regelt § 3 Absatz 3 desselben Gesetzes.
Praktisch heißt das: Steht im Betrieb S3, reicht ein S1P nicht, auch wenn er bequemer ist. Umgekehrt ist eine höhere Klasse nicht automatisch besser. Ein S7 ist schwerer und wärmer als ein S1, und in einer trockenen Halle kaufst du dir damit vor allem Schweißfüße. Weitere Ratgeber dazu findest du in der Kategorie Sicherheitsschuhe.
Ein letzter Hinweis zur Lesereihenfolge auf dem Etikett: Zuerst steht die Klasse, dann folgen die Zusätze, meist ohne Trennzeichen. „S3 SR CI“ heißt also S3 mit erhöhter Rutschhemmung und kälteisoliertem Sohlenaufbau. Steht dort ein Ø, konnte der Rutschtest wegen der Bauart nicht durchgeführt werden, etwa bei Sohlen mit Spikes. Das ist kein Mangel, sondern eine Angabe zur Prüfbarkeit.
Was die Schutzklasse nicht verrät
Die Klasse beschreibt Schutzfunktionen, nicht den Tragekomfort. Über Schafthöhe, Weite, Gewicht, Dämpfung und Fußbett sagt sie nichts. Ein S3-Halbschuh und ein S3-Stiefel erfüllen dieselbe Norm und fühlen sich völlig verschieden an: Der Stiefel stützt das Sprunggelenk im Gelände, der Halbschuh ist leichter und im Sommer erträglicher.
Auch das Material der Zehenkappe bleibt offen. Stahl, Aluminium, Kunststoff und Verbundwerkstoffe müssen dieselbe Prüfung mit 200 Joule bestehen. Kunststoffkappen leiten Kälte schlechter und wiegen weniger, bauen aber oft etwas höher. Wer den ganzen Tag steht, merkt den Unterschied eher am Gewicht als an der Klasse.
Zwei Modelle derselben Klasse können deshalb unterschiedlich gut zu dir passen. Die Klasse ist die Eintrittskarte, die Passform entscheidet, ob du die Schuhe am Nachmittag noch trägst oder in der Ecke stehen hast.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen S1P und S3?
Beide haben Durchtrittschutz. S3 hat zusätzlich wasserabweisendes Obermaterial und eine profilierte Laufsohle. S1P ist damit der Schuh für trockene Innenbereiche, S3 der für draußen.
Sind S3-Schuhe wasserdicht?
Nein. S3 verlangt wasserabweisendes Obermaterial, geprüft wird nur das Material, nicht der fertige Schuh. Geprüft wasserdicht sind S6 und S7.
Was bedeutet SRC auf meinem Schuh?
SRC ist die Rutschhemmungs-Kennzeichnung der Fassung von 2011. Sie steht weiter auf Modellen, deren Zertifikat noch läuft. Das Gegenstück in der aktuellen Fassung heißt SR.
Brauche ich Stahl in der Sohle?
Nicht zwingend. Nichtmetallische Einlagen müssen dieselbe Normprüfung bestehen und sind leichter. Die Endungen L und S zeigen, mit welchem Prüfnagel getestet wurde.
Quellen
- EN ISO 20345:2022 — Persönliche Schutzausrüstung, Sicherheitsschuhe (Normtext, kostenpflichtig über DIN Media) (Fassung 2022, Änderung A1:2024)
- DGUV Regel 112-191, Kapitel 4: Fußschutz (abgerufen am 18.09.2026)
- Arbeitsschutzgesetz, § 5 Beurteilung der Arbeitsbedingungen (abgerufen am 18.09.2026)
- Herstellerinformation Sievi zur Normumstellung (abgerufen am 18.09.2026, nennt Übergangszeit bis Ende 2027)
- Herstellerinformation Parade zur Normumstellung (abgerufen am 18.09.2026, rechnet mit Koexistenz bis November 2029)